Was der Corona Virus mit uns macht - ein persönlicher Kommentar

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Bei der gegenwärtigen Pandemie geht es nicht nur um die Gefahr einer körperlichen Ansteckung und einer Bedrohung der Gesundheit. Der Coronavirus zielt auch auf unseren Zusammenhalt und unsere Glaubwürdigkeit als Christen ab.
Dies zeigt die folgende Geschichte und die sich daran anschliessenden Gedanken:
Michael Stollwerk,
Szene in einer Apotheke in Hessen (D) Anfang März. Gerade ist eine Lieferung Desinfektionsmittel eingetroffen. Sechs Einheiten stehen zur Verfügung. Unvorsichtigerweise gibt eine Mitarbeiterin die entsprechende Information in Gegenwart eines Kunden weiter. Der ältere Herr besteht sofort darauf, den gesamten verfügbaren Vorrat zu kaufen. Die Einwände der leitenden Pharmazeutin, warum dies aus versorgungstechnischen Gründen nicht möglich sei, will er nicht gelten lassen. Aggressiv versucht er, sein „Kaufrecht“ durchsetzen. Erst als die Apothekerin ankündigt, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen, verlässt er schimpfend und fluchend die Apotheke. Ein unbeteiligter Passant meint: „In Zeiten wie diesen erkennt man den Charakter eines Menschen.“ – Ob dem wirklich so ist, sei dahin gestellt.
Deutlich wird auf jeden Fall: Wir haben derzeit noch einmal mehr und anderes zu verlieren als unsere Gesundheit. Es geht um nicht weniger als unsere Würde und die Fähigkeit eine Krise solidarisch zu bewältigen.
Die Pandemie zeigt, was uns als Gesellschaft trägt bzw. nicht trägt.
Hier sind wir als Christen gefordert. Denn in Anlehnung an das bonmot des Passanten in der Apotheke könnte man auch formulieren: „In Zeiten wie diesen erkennt man den Glauben einer Kirche.“ – Was sich positiv festhalten lässt: Das Krisenmanagement auch der Kirchen funktioniert. Landauf landab werden reaktionsschnell Beschlüsse gefasst, Sicherheitsreglemente erstellt und überzeugend umgesetzt.
Was ich jedoch grundlegend vermisse, ist der spezifisch christliche Zugang zum Phänomen einer Pandemie und so etwas wie ein geistlicher Masterplan.
Kirchliches Handeln kann sich doch nicht darin erschöpfen, Veranstaltungen abzusagen, Gottesdienste in Frage zu stellen und Pfarrer vor „aufsuchender Seelsorge“ zu warnen! Ein Huldrych Zwingli, der in Pestzeiten die Kranken in Zürich besuchte, sich dabei ansteckte und durch Gottes Gnade sowie die aufopfernde Pflege seiner Frau wieder Genesung fand, wird sich im Grabe herum drehen.
Wo bleibt die nüchterne theologische Reflektion des Geschehens? Wo bleiben in Analogie zu den Volksklagepsalmen im Alten Testament die Aufrufe zum kollektiven Gebet? Ob diese nun im stillen Kämmerlein oder in der Kirche stattfinden, ist sekundär. Aber gebetet muss werden! Unbedingt! Und mit viel Herzblut! - Oder ist unser Bekenntnis zum allmächtigen und barmherzigen Gott nur noch ein Lippenbekenntnis? Sollen unsere Mitmenschen, Jung und Alt, wirklich auf sich selbst zurück geworfen bleiben in ihrer Angst vor Ansteckung? Das kann es doch wohl nicht sein. Nehmen wir uns ein Beispiel an den tapferen Ärzten und Pflegekräften. Solange sie ihre Patienten behandeln, ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit als reformierte Kirche ihnen den Zuspruch des Evangeliums zu vermitteln - und zwar in „Vollmacht und Gelassenheit“.
Wir können als Christen vor dem Coronavirus natürlich geistlich kapitulieren. Gezwungen dazu sind wir aber nicht! Zumal es unserem Auftrag fundamental widerspricht.
Paulus ermutigte seinen Mitarbeiter Timotheus einmal mit den Worten: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Timotheus 1, 7)
Dieser Geist setzt Phantasie im Umgang mit der Coronabedrohung frei. Bestes Beispiel hierfür sind die Sozialdiakone unserer reformierten Kirche Stäfa. Sie nutzen durch Absagen freigewordene Zeitkontingente dafür, Einkäufe und Besorgungen für Menschen aus Risikogruppen anzubieten. Andernorts gibt es Überlegungen, mit Laptops ausgestatteten Senioren die Möglichkeit zum Skypen zu eröffnen, um deren zunehmender Isolierung vorzubeugen.
Es gäbe viele Möglichkeiten dem Coronavirus seelsorglich und diakonisch die Stirn zu bieten.
Der machtvollste Ansatz aber liegt im Gebet. Das wissen auch Menschen, die dem Glauben ansonsten eher fern stehen. So meinte mein Internist lapidar: „Wenn wir Ärzte unseren Job tun und Sie den Ihren, geht es dem Virus an den Kragen.“
Also, liebe Mitchristen, tun wir gefälligst unseren „Gebetsjob!“ Es wird von uns erwartet.
In unserer schönen reformierten Kirche Stäfa wird es nach Absprache mit den PfarrkollegInnen ab der kommenden Woche Desinfektionsmittel, Stifte und ein Fürbittebuch geben, dem Sie Ihre Ängste, Frustrationen aber auch Zuversicht anvertrauen können (Vorausgesetzt das Desinfektionsmittel wird nicht von Zeitgenossen wie dem eingangs erwähnten Herr aus Mittelhessen geklaut!)
Wir beten für Sie! Damit der Coronavirus nicht weiter mit uns machen kann, was er will und uns am Ende noch jede Würde nimmt.
Bleiben Sie behütet
Ihr
Michael Stollwerk,
Pfr. Dr. of Ministry