Zwischenruf: Wie im Mittelalter? - Plädoyer für einen rationalen Umgang mit der Pandemie

Flagellanten <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Michael&nbsp;Stollwerk)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchestaefa.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>877</div><div class='bid' style='display:none;'>9116</div><div class='usr' style='display:none;'>413</div>
Wir sind es gewohnt, über das "finstere" Mittelalter überlegen die Nase zu rümpfen. Allzu naiv erscheint uns dessen magisches Weltbild mit seiner panischen Angst vor Hölle, Tod und Teufel. Umso erstaunlicher ist es jedoch, wie manche der längst überwunden geglaubten Reiz- und Reaktionsmuster in der gegenwärtigen Pandemie eine Renaissance erleben.
Michael Stollwerk,
Lesezeit ca. 12 Minuten


Ein Indikator hierfür ist beispielsweise die Intensität der Zuflucht zu fragwürdigen Mitteln, um einer höchst komplexen Herausforderung Herr zu werden. So lässt etwa der Leiter des Deutschen Robert Koch Institutes, Robert Wiehler, Anfang Dezember in einer Pressekonferenz sinngemäss verlauten: „Im Rückblick müssen wir leider feststellen, dass der Lockdown der letzten Wochen praktisch keinerlei Wirkung gezeigt hat. Im Gegenteil: Wir befinden uns, was die Infektionszahlen angeht, auch weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Plateau.“
Bei einem derartigen Befund hätte sich eigentlich das realistische Eingeständnis nahe gelegt, dass die Grenzen dessen, was allgemeine Kontaktbeschränkungen zu leisten vermögen, erreicht sind. Und dass es von daher darum gehe, weiterhin absolute Vorsicht walten zu lassen, sich gleichzeitig aber auch mit der eigenen Ohnmacht und der Brüchigkeit allen Lebens bis zum Durchbruch eines wirkkräftigen Therapeutikums zu versöhnen. Ein solch bescheidener und heilsam realistischer Hinweis hätte an Formen des unaufgeregten Umgangs mit einem todbringenden Virus anknüpfen können wie er früheren Generationen, z.B. im Fall der Tuberkulose, durchaus geläufig war.
Stattdessen aber wird der bereits vom ersten Lockdown im Frühjahr erschöpften Gesellschaft ein weitaus drastischerer Rückgriff auf das vermeintliche Vademecum verordnet. Das ohnehin brach danieder liegende öffentliche und soziale Leben in Deutschland wird vollends eingeschnürt, ungeachtet aller katastrophalen Folgen für das Lebenswerk von Hunderttausenden, die bereits zu diesem Zeitpunkt vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.
Es folgt der Absurdität zweiter Akt in den Tagen vor Weihnachten. Vermutlich einer Unachtsamkeit verdankt sich der Hinweis des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, der erklärt: „Es ist ja bekannt, dass sich die wenigsten Menschen im öffentlichen Raum anstecken. Die grösste Infektionsgefahr besteht vielmehr bei privaten Treffen und Feiern. Diese gilt es daher möglichst einzuschränken." An dieser zweiteiligen Feststellung, die der Rechtfertigung der nach wie vor in Deutschland geltenden Kontaktbeschränkungen diente, ist nichts auszusetzen. Sie stimmt vollkommen. Aber gerade darum muss die kritische Rückfrage lauten: Aufgrund welcher Logik werden die z.B. für Gastronome und Kulturschaffende desaströsen Berufsverbote aufrechterhalten, wenn dort quasi keine Ansteckungsgefahr besteht? Wieso wird das gesamte soziale Leben vom kontrollierbaren öffentlichen Raum, in dem ausgeklügelte Hygienekonzepte für eine relative Sicherheit sorgen, ausgerechnet in den privaten Raum verlegt, wo es weder wirksame Kontrollen noch Schutzkonzepte gibt? Dieser Bruch in der Argumentation und inneren Logik ist weder nachzuvollziehen noch zu rechtfertigen. Und er sorgt verständlicherweise für ohnmächtige Wut bei denen, deren gesamte Existenz in den Wochen und Monaten des Shutdowns auf dem Spiel steht.
Es ist dem Schweizer Bundesrat sowie allen Verantwortlichen in den Kantonen hoch anzurechnen, dass sie dem auf ihnen lastenden Druck aus dem In- und Ausland lange standgehalten haben. Das öffentliche Leben blieb in der Eidgenossenschaft trotz angespannter Lage im Gesundheitswesen zumindest partiell intakt.
Umso bedauernswerter ist es jedoch, dass der Virus mittelalterlich magischen Denkens spätestens seit dem 22. Dezember auch auf die Schweiz übergegriffen hat.
Denn anders als mit Magie ist ein undifferenzierter Lockdown, der auch unter Medizinern und Epidemiologen umstritten ist, nicht zu erklären.
Er erinnert in fataler Weise an das Allheilmittel des „Aderlass“, mit dem man im Mittelalter alle möglichen Krankheiten meinte kurieren zu können. Bereits in der Antike entwickelt und dort bei einigen wenigen Indikationen erfolgreich eingesetzt, entwickelte sich dieser blutige Eingriff zum Standardrepertoire des mittelalterlichen Baders. Wem sonst nicht mehr zu helfen war, den liess man kurzerhand zur Ader – bis hin zur völligen Erschöpfung.
Genas der Patient, so wurde es der therapeutischen Intervention zugeschrieben, verstarb er, so galt dies als unabänderlicher Wille Gottes. Das Faszinosum der Massnahme an sich blieb vom Schicksal des Patienten unberührt. Kein Wunder, ermöglichte sie doch, die Ohnmacht des überforderten Mediziners effektreich zu kaschieren. Schluss mit dem schmerzhaften und zumeist wirkungslosen „Budenzauber“ war erst, als es forschenden Geistern gelang, Spekulation und Empirie sauber voneinander zu trennen und auf der Grundlage rationaler Forschung wirklich effektive Heilmethoden zu entwickeln.
Um eine solche Hinwendung zur rationalen Analyse dürfte es nach 12 Monaten Covid 19 auch bei der kritischen Einordnung und Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen gehen. Und zwar nicht nur auf Seiten der Epidemiologen, die sich in der Bewertung der virologischen Befunde offenbar ähnlich uneinig sind wie die Theologen des 20. Jahrhunderts in ihrer Einschätzung der geschichtlichen Quellen des Neuen Testamentes.
Ein rationaler Zugang ist vor allem seitens der politischen Akteure von Nöten, deren Entscheidungen über den Tag hinaus für das Wohl und Wehe zukünftiger Generationen von Bedeutung sind. Denn wenn es stimmt, dass für die Bewältigung der derzeitigen Krise laut Angaben des Bundesfinanzministeriums allein in Deutschland bis zu 1,5 Billionen € veranschlagt werden, dann sollte deutlich sein, wem diese Last aufgebürdet wird. Das Motto: „Nach uns die Sintflut!“ kann niemals Ausdruck strategischer Vernunft, sondern allenfalls populistischer Kurzsichtigkeit sein. Nicht nur das Leben der jetzigen Generation ist unbedingt zu schützen. Auch das noch nicht geborene Leben der nächsten Jahrzehnte hat ein Daseinsrecht. Schon von daher ist jede kostenintensive Massnahme, deren Wirksamkeit fraglich ist, kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls umgehend zu beenden.
Allerdings stehen einem nüchternen Umgang mit der Pandemie eine Fülle von irrationalen Verschwörungstheoretikern auf der einen und apokalyptische Weltuntergangspropheten auf der anderen Seite entgegen. Beide Gruppierungen erinnern in ihrem Fanatismus und prophetischen Selbstverständnis in fataler Weise an die so genannten „Flagellanten“ des Mittelalters. Diese zogen in Pestzeiten sich selbst kasteiend durch die Gassen, verkündeten mit drastischen Bildern das kommende Unheil und saugten damit den Bürgern sämtlichen noch verbliebenen Lebenssaft unbarmherzig aus den Adern. Ihre Rolle scheint derzeit den sozialen Netzwerken zugewachsen zu sein. Schneller als die britischen oder südafrikanischen Mutanten des Covid Virus verbreiten sich dort Gerüchte, vermeintlich neue Erkenntnisse und Schreckensnachrichten.
Das eigentlich Tragische dabei ist jedoch, dass sich zunehmend auch seriös einzustufende Medien dieses morbide Büssergewand überstreifen und sich sprachlich wie inhaltlich den Apokalyptikern der Postmoderne annähern. Beinahe inflationär werden halbgare sensationserheischende Meldungen durch den Äther gejagt, deren journalistischer Nährwert sich bei genauerer Betrachtung in ihrem Verwirrungspotential erschöpft. So etwa der Fall, als Radio SRF 1 am 19. Januar zur bestens Sendezeit Zweifel an der Wirksamkeit der neuen Covid Impfstoffe streute, um sie im nächsten Moment wieder zu relativieren.
Was war passiert? In Israel hatte man unmittelbar nach einer Massenimpfung Covid Erkrankungen auch bei einer Anzahl bereits geimpfter Patienten festgestellt. Mit erheblicher Verzögerung wurde dann im Interview durch einen hinzu gezogenen Experten klargestellt, dass dieser auffällige Befund vermutlich daher rühre, dass ein vollständiger Impfschutz zum Zeitpunkt der Infektion noch gar nicht gegeben sein konnte. Grundsätzlich bestehe kein Grund zur Sorge. Aha – wie gut zu wissen!
Bleibt aber dennoch die Frage, warum der unschuldige Autofahrer, der bei dieser neuerlichen Hiobsbotschaft fast auf die Gegenfahrbahn geraten wäre, mit einer derart unverdauten Fake News behelligt und aufgeschreckt werden musste.
Welche journalistische Informationsabsicht stand hier im Hintergrund? Verdienen derart verquaste Meldungen es überhaupt, wahrgenommen zu werden? In Zeiten des Qualitätsjournalismus wäre solch ein Unfug unmittelbar dort gelandet, wo er hingehört: im Papierkorb. In Zeiten der Pandemie wird es ihm erlaubt, zarte Gemüter in die Angstneurose zu treiben.
Bei aller Wertschätzung der Pressefreiheit in der westlichen Welt: Viele Dokumentationen und Berichte rund um die Pandemie ähneln in ihrer Sprach- und Bildwelt in diesen Wochen und Monaten eher mittelalterlichen Busspredigten als seriösen Informationsquellen.
Welchen Sinn haben etwa auch die inzwischen ritualisierten Wasserstandsmeldungen bezüglich der Infektionszahlen? Noch dazu, wenn sie mit einem Pathos verkündet werden, als gehe es darum, neue Rekorde in der Leichtathletik abzufeiern. – Jahr für Jahr erkranken in der Schweiz 42.500 Menschen an Krebs. Die Anzahl der Sterbefälle liegt bei 17.000! Man stelle sich nur einmal vor, am Anfang einer jeden Nachrichtensendung stünde ein Jahr lang Tag für Tag die Mitteilung der Zahl der Neuerkrankungen oder der nach einer Krebsdiagnose Verstorbenen im Fokus. Zusätzlich sorgfältig aufgefächert nach Altersgruppe und Art des Leidens. Eine Folge wäre vermutlich, dass ältere Männer sich vorsorglich die Prostata und jüngere Frauen die Brust entfernen lassen. Und wer es nicht täte, sähe sich von ständiger Angst begleitet.
Ernsthaft: So wichtig es ist, genau zu wissen, wie man sich bestmöglich schützen und gesund erhalten kann, so verheerend wirkt es, tagtäglich mit noch dazu unausgereiften Statistiken in Panik versetzt zu werden. Am Anfang der Pandemie mag dies notwendig gewesen sein, um den allzu Sorglosen die Gefährlichkeit des neuen Virus vor Augen zu malen. Inzwischen dürfte es sich jedoch so verhalten, dass die Belehrbaren belehrt und die Unbelehrbaren schlicht nicht zu belehren sind.
Spätestens jetzt wäre es daher an der Zeit, die unterschiedlichen Szenarien der Epidemiologen kritisch zu filtern und in Politik und Medien zu einer sachlich dosierten Informationspolitik zurück zu finden. Dies gilt gerade in Anbetracht weiterer zu erwartender Virusmutationen, die das Potential haben, die Hysterie stets aufs Neue anzustacheln, obwohl sie sich bei nüchterner Betrachtung vielleicht als beherrschbar erweisen.
Anzusetzen wäre bei einer solchen Rückkehr zur Sachlichkeit schon bei der Sprache: Wer z.B. im Zusammenhang der gegenwärtigen Pandemie von einer zweiten oder gar dritten „Welle“ spricht, der beschwört unweigerlich Assoziationen an einen alles vernichtenden Tsunami. De facto aber beschreibt die „Infektionswelle“ in ihren Auswirkungen in etwa das, was die Statistischen Ämter Jahr für Jahr in ihren Mortalitätsdiagrammen festhalten. Als Seelsorger mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung weiss ich: Spätestens Anfang November steigt die Zahl der Bestattungen sprunghaft an. Im Februar erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt, bevor sie dann ab Mitte März wieder deutlich abflaut. Diese Kurve, die sich im Diagramm auch als „Welle“ darstellen lässt, ist so verlässlich wie das Amen in der Kirche. Eine Besonderheit im Jahreskreislauf ergibt sich zudem, wenn es z.B. im Juli oder August zu einer Hitzewelle kommt. Dann entsteht auch hier ein kurzer Ausschlag, der sich mit den Peaks im Winter vergleichen lässt. Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, dass dieser typische Mortalitätsverlauf, der sich bis in die Kalenderwochen hinein konkretisieren lässt, im Jahr 2020 leicht ausgeprägter war als in den Vorjahren. Und in 2021 wird dies vermutlich ähnlich sein. Allerdings ist diese „Übersterblichkeit“ bei weitem nicht so spürbar, dass es die Rede von einer zusätzlichen „Welle“ rechtfertigen würde.
Wie kommt dann aber genau dieser Eindruck zustande? Er ist ein Effekt der suggestiven Kraft der tagtäglichen Meldung, wie viele Menschen „im Zusammenhang mit Covid“ verstorben sind. Denn unwillkürlich wird damit nahegelegt, dass diese Menschen nicht verstorben wären, wenn sie sich nicht mit dem Virus angesteckt hätten. Sie werden also automatisch addiert, obwohl sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein paar Wochen oder auch Monate später eines „natürlichen Todes“ gestorben wären. Genau dies aber beeinflusst die Wahrnehmung, verzerrt das Gesamtbild und schürt Ängste.
Kontrastierend dazu hilft an dieser Stelle vielleicht der Verweis auf die konkrete Berufserfahrung eines Seelsorgers: Im vergangenen Jahr habe ich selbst vier Menschen bestattet, die „im Zusammenhang mit Covid“ gestorben sind. Dabei habe ich die Angehörigen selbstverständlich dazu befragt, welche Bedeutung sie diesem Umstand beimessen. In dreien der vier Fälle lautete der Tenor der Hinterbliebenen: „Es war im Grunde genommen eine Gnade. Er/Sie wollte schon lange nicht mehr. Dadurch, dass es jetzt so schnell ging, ist ihm/ihr viel Leid erspart geblieben.“ In einem Fall war es freilich anders. Da wären dem Hochbetagten noch zwei bis - drei gute Jahre durchaus vergönnt gewesen. Auch das soll nicht verschwiegen werden und ist selbstverständlich zu berücksichtigen.
Zu einem vollständigen Bild der Situation gehört allerdings auch, dass es gleichzeitig Menschen gibt, die nachweislich den so genannten „Schutzbestimmungen“ und der damit verbundenen Isolation zum Opfer gefallen sind. In unserer Kirchengemeinde waren dies im vergangenen Jahr drei physisch durchaus lebensfähige Senioren. Zwei von ihnen stellten im Frühjahr, als die Kontaktbestimmungen griffen und konsequent durchgesetzt wurden, kurzerhand die Nahrungsaufnahme ein und starben binnen weniger Wochen. Die dritte Person, eine hochintelligente ältere Dame, handelte im Herbst ebenso. Die Isolation im Frühjahr hatte sie noch durchgestanden, die Einsamkeit am Heiligen Abend wollte sie nicht mehr erleben. Dies alles sind Realitäten, die mitschwingen und mitbedacht sein wollen, wenn die Rede davon ist, wie viele Menschen „im Zusammenhang mit Covid“ sterben!
Die Fixierung des politischen Handelns auf die Rettung der rein physischen Existenz erweist sich bei näherem Hinschauen als eine extrem verkürzende Sichtweise. Und sie dürfte eine ähnlich lebensfeindliche und lebensverachtende Wirkung haben wie die Fixierung des mittelalterlichen Menschen auf das Jüngste Gericht. Denn sie blendet all das aus, was das Leben in seiner Vielfalt ausmacht. Schutz des Lebens bedeutet, recht verstanden, mehr als das nackte Überleben. Schutz des Lebens bedeutet zumindest nach biblischem Verständnis die Sorge um Unversehrtheit von Leib, Seele und Geist in der Beziehung zu Gott und den Menschen.
Für die Situation der gegenwärtigen Covid Pandemie und zukünftiger Pandemien ergibt sich daraus: Die einseitige Konzentration auf Infektionszahlen und dem Virus zugeschriebene Todeszahlen ist aufzugeben.
Anspruch auf Schutz des Lebens und die Unversehrtheit seiner Entwicklung hat auch das verängstigte Kind, das durch drakonische Kontaktbeschränkungen seiner Unbeschwertheit beraubt und in seinen Verständnismöglichkeiten überfordert wird.
Anspruch auf Schutz des Lebens hat auch der engagierte Gastronom oder Firmeninhaber, der über Jahrzehnte hinweg seine gesamte Kraft und Energie in den Aufbau eines vitalen Unternehmens gesteckt und damit Arbeitsplätze gesichert hat.
Anspruch auf Schutz des Lebens hat auch die Intensivpflegefachkraft, die hochgelobt und unterbezahlt schon seit Jahren unterschwellig, jetzt aber in besonderem Masse unter den Folgen einer Gesundheitspolitik leidet, die für den Katastrophenfall weder zureichend ausgerüstet noch vorbereitet ist.
Anspruch auf Schutz des Lebens hat auch der Berufskraftfahrer, der auf offene Grenzen angewiesen ist, um sein ohnehin belastetes Familienleben aufrechterhalten zu können.
Anspruch auf Schutz des Lebens hat auch die Pensionärin, für die der Besuch eines Museums oder einer Galerie eine ebenso grosse Bedeutung hat wie der Besuch einer Freundin.
Anspruch auf Schutz des Lebens hat auch der namenlose Syrer, der im Zusammenhang mit Covid sterben wird, de facto aber in seinem völlig durchnässten Zelt von einer Lungenentzündung befallen worden ist.
Es gibt in dieser Covid Pandemie mehr zu verlieren, als der verengte Blick auf Infektionszahlen es uns glauben machen möchte. Die Zahlen der „im Zusammenhang des Lockdowns“ zerstörten Existenzen sind ebenso relevant und dramatisch, wie die Zahlen der vermeintlich „im Zusammenhang mit Covid“ Verstorbenen. Daher wäre eine politische Kurskorrektur dringend nötig.
Glanz und Elend in einer Demokratie bestehen aber darin, dass jedes Volk seine Regierenden zu einer solchen Korrektur ermächtigen muss. Und diesbezüglich erscheinen viele gewählten Vertreter des Volkes eher als Getriebene denn als Akteure. Getrieben vom internationalen Druck, getrieben von der öffentlichen Meinung, getrieben aber auch von postmodernen Flagellanten im wissenschaftlichen Gewand.
Daher ist es an jedem Einzelnen, für eine solche Kurskorrektur zu werben und für einen veränderten Umgang mit der Pandemie einzustehen. Und zwar einem Umgang, der sich auf die notwendigsten Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschränkt, den gut austarierten Hygienekonzepten der Gewerbetreibenden und Kulturschaffenden einiges zutraut und auf die Selbstverantwortung der Bürger setzt.
Mit den neuen Impfstoffen und der Entwicklung von Medikamenten, die den Krankheitsverlauf abmildern, zeichnet sich die Möglichkeit zu einer solchen Vorgehensweise ab.
Denn deren Effektivität beruht nicht auf magischen Spekulationen, sondern auf gesicherter Empirie. Sie schränken das Leben nicht ein, sondern ermöglichen Freiheit.
Sie verlangen keine Anbetung, sondern lassen die Wahl.
Für den religiös unmusikalischen Zeitgenossen mögen diese Medikamente in erster Linie ein Produkt intensivster pharmakologischer Forschung sein. Und das sind sie sicherlich auch.
Für mich als Christ sind sie allerdings zudem eine seit Monaten ersehnte echte Gebetserhörung. – Alles nur eine Frage der Perspektive!
„Fides quarens intellectum“, sagte dazu Anselm von Canterbury schon im 11. Jahrhundert.
Frei übersetzt: „Das Forschen ist des Glaubens liebstes Kind.“

Michael Stollwerk, Pfr. Dr. of Ministry