Monika Götte

"Personenunfall" - Traurige Ereignisse auf dem Schienennetz

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Erlöser (Taizé)

2014 habe ich diesen Bericht aus persönlicher Betroffenheit geschrieben - und es ist in all den Jahren derjenige meiner Berichte mit den meisten "Klicks". Mittlerweile ist er natürlich im Archiv verschwunden, aber dennoch wird er immer wieder gefunden und ich erhalte Mitteilungen von Menschen, die ebenfalls betroffen sind. Ein Grund fürs nochmals Aufschalten.
Monika Götte,




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Weiterführende Links und Hilfsangebote finden Sie im Anschluss an den Bericht.

Hier der Bericht von 2014:

Kürzlich sass ich in der S-Bahn, las und war nicht besonders aufmerksam. Der Zug bremste plötzlich und blieb stehen. Kann ja mal passieren, irgend eine Störung, dachte ich mir. Aber der Zug blieb stehen und dann war mir klar, was passiert war. Die Durchsage ein paar Minuten später bestätigte es: "Personenunfall". Jedes Mal bei dieser Durchsage an Bahnhöfen läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Und jetzt sass ich selbst in einem solchen Zug.

14-15 mal im Monat passiert auf dem schweizer Schienennetz ein sogenannter Personenunfall. In den allermeisten Fällen: ein Suizid. Eine Tragödie. Furchtbar für die Angehörigen und Freunde, traumatisierend für das Zugpersonal und Passagiere.

Nach der Durchsage passierte, worauf ich am wenigsten vorbereitet war: einige Passagiere in meinem Zugwagen begannen, zu schimpfen. Sie nervten sich über die anstehenden Verspätungen - das dauert sicher zwei Stunden! Einige fluchten und schimpften über den Menschen, dessen Leben gerade ein Ende gefunden hatte.
Ich war baff und sprachlos und konnte gar nichts sagen. Leider. Jetzt würde ich sagen wollen: "Was fällt Ihnen eigentlich ein, zwei Stunden ihres Lebens mit der Tragödie zu vergleichen, die sich hier gerade abgespielt hat? Was fällt Ihnen ein, so über einen Menschen zu reden, dessen letzter Ausweg eine solche Tat war? Sie sollten sich schämen!"

Gleichzeitig ist mir auch klar, dass man Schwierigkeiten hat, so etwas zu verstehen. "Wenn schon Suizid, dann bitte so, dass nicht noch andere dabei in Mitleidenschaft gezogen werden." Kann ich verstehen.
Doch ich weiss auch, dass solche Überlegungen in vielen Situationen gar keinen Platz mehr haben. Wenn das Leben, oft durch Depressionen, so unerträglich geworden ist, zur Hölle auf Erden geworden ist und der Tod die einzige Erlösung zu sein scheint, gibt es dafür keinen Raum.
Gerade das sollte uns eher traurig statt wütend stimmen. Ja, vielmehr sollten wir uns fragen, was denn eigentlich los ist.
Was ist los, dass es so viele Menschen gibt, die unter Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden, dass ihnen nur noch der Tod bleibt? Was ist los in unserem Land, dass es so viele Suizide gibt? Wir haben doch alles...
Diese Fragen sollten wir uns stellen, statt uns aufzuregen über 2 Stunden Verspätung.
Das sollte uns zu denken geben.

Lange Zeit - und je nach kirchlicher Bewegung auch noch heute - wurde Menschen, die durch Suizid verstorben sind, eine Bestattung verweigert und sie wurden als grösste Sünder gebrandmarkt. Oft auch wurden oder werden die Hinterbliebenen gemieden; weil ein Suizid nach wie vor etwas ist, was Menschen verstört. Viele wissen nicht, wie sie den Hinterbliebenen begegnen sollen. Verständlich.
Aber zwischen Unbeholfenheit und Ratlosigkeit und Verachtung besteht ein grosser Unterschied.

Wie können wir, als Individuen und als Gemeinschaft reagieren? Wie können wir - im besten Falle - vorbeugen?

Von Jesus wird erzählt, dass es ihm Leid tat, leidende Menschen zu sehen. "Es jammerte ihn", heisst es in älteren Übersetzungen passend. Dieses "jammern" geht noch viel weiter, eigentlich heisst das wörtlich: es ging ihm an die Eingeweide. Für Hebräisch sprechende Menschen waren vor allem die Nieren der Sitz der Empfindungen (während das Herz der Sitz des Verstandes war). Nicht zufällig sagen wir heute noch: es geht mir an die Nieren.
Jesus ging es an die Nieren, wenn Menschen litten. Es hat ihn im innersten bewegt. Es ist diese innerliche Bewegtheit von etwas, das uns auf andere zugehen lässt. Wenn wir etwa ein Kind sehen, das ganz alleine irgendwo steht und weint. Das geht uns nahe, wir kümmern uns darum. Jesus hatte offene Augen für die Menschen, ihre Situation und ihr Leid. Unabhängig davon, ob er diese Menschen kannte, oder nicht.

Auch, wenn wir es letztlich nicht in der Hand haben: wir können an einer Welt bauen, wo Menschen nicht alleine gelassen werden. Wo man sich anspricht, wenn man das Gefühl hat, es gehe jemandem nicht gut. Wo man Gemeinschaft lebt und wo weniger Leistungsdruck herrscht.

Ich möchte am Reich Gottes bauen, wo der Geist der Freiheit weht. Wo Christus, der Erlöser, regiert und wir uns gegenseitig diese Erlösung zusprechen. Ich möchte am Reich Gottes bauen, wo wir ein Auge auf unsere Mitmenschen haben und in der den Menschen das Schicksal der anderen nicht egal ist. Wo wir mit den Augen Jesu durch die Welt gehen, der das Leid um sich herum gesehen hat. Ich möchte am Reich Gottes bauen, wo die Menschen nicht nur sich selbst und ihre Nächsten sehen, sondern eine offene Tür für andere haben.
Wo wir für- und miteinander beten, einander unterstützen und einen Blick für das haben, was im Moment grad Not tut. Wo jeder uns zum Nächsten werden kann.


Hilfsangebote
» Seelsorge in der Kirchgemeinde Stäfa
» E-Mail Seelsorge (anonym): seelsorge.net
» Beratungsangebot für Jugendliche bei Pro Juventute
» Tel. 143 (dargebotene Hand)

Suizidprävention
» Suizidprävention des Kantons Zürich
» Suizidprävention Schweiz

Für Trauernde
» Verein Refugium: Für Hinterbliebene nach einem Suizid
» Nebelmeer: Perspektiven nach dem Tod eines Elternteils
» Verein Regenbogen: Selbsthilfegruppen für vom Suizid ihres Kindes betroffene Eltern

Weiterführendes
» Artikel - Personenunfälle aus der Sicht eines Notfallseelsorgers
» SRF3 INPUT (vom Februar 2019) zum Thema Suizid

» Buchtipp: Totsächlich. Trauern und begleiten nach einem Suizid. Von Sabrina Müller
» Interview mit Sabrina Müller: Suizid darf kein Tabuthema bleiben

Hier ist Platz für Kommentare

01.03.2019 15.34 Daniela
Danke für den Beitrag, der mir grösstenteils aus der Seele spricht... Sass gerade am Montag in solch einem Zug, der in einen Personenunfall verwickelt war...
Insbesondere schockierten mich einige junge Menschen im Zug, die Fotos und Videos vom Unfall machten und mit Kommentaren wie "so cool, wir sind gerade Zeugen von einem Selbstmord geworden" mit ihren Freunden teilten.
...traurig, fassungslos....
14.12.2017 14.30 Monika Götte
Danke für Eure Beiträge, Stéphanie Tschanz und Jolly Rodgers, auch so lange nachdem der Bericht erschienen ist.

Kürzlich ist einer ehemaligen Konfirmandin im Zug so ziemlich dasselbe passiert. Und auch in diesem Zug bei diesem Unfall haben mehrere Zugpassagiere angefangen, zu wettern.
Ich habe mittlerweile die Hypothese, dass viele das aus reiner Überforderung tun. Es ist viel einfacher, sich zu ärgern, als zu Schweigen und darüber nachzudenken, was passiert ist.

Und ja, ich denke auch, es liegt an uns allen, jeden Tag, Dinge zu ändern. Und sich auch einzuschalten und andere Werte zu vertreten.
14.12.2017 14.24 Jolly Rodgers
Sind wir tatsächlich so ignorant und eigensüchtig? Anscheinend schon, denn genau diese Kommentare sind in unserer Gesellschaft alltäglich und allgegenwärtig. Aber ist nicht genau diese Reaktion ein Zeichen, woran es uns mangelt und warum Menschen diese 'Gesellschaft' nicht mehr ertragen und sich genötigt sehen, ihrem Leben ein Ende zu setzen? Mehr Gemeinschaft und Empathie würden uns sicher gut tun und unser aller Leben lebenswerter machen - es liegt an uns allen, an dir und an mir, jeden Tag.
29.10.2017 09.40 Stéphanie Tschanz
Danke für diesen Beitrag! Schön, dass es Menschen wie du gibt, die sich in andere hineinversetzen können.
17.04.2014 16.20 Arnold Egli
An diesen Reaktionen im Zug hätte ich auch etwas beissen müssen. Vor allem weil ich mehr als eine mir nahe stehende Person durch Selbstmord verloren habe. Diese Ohnmacht immer... Mir gefällt, wie Du das Erlebte mit dieser Besinnung verarbeitet hast. Danke!
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